Der tätowierte Bassschlüssel – Eindrücke einer Zeitreise

Die Straßen sind nass vom Nieselregen. Der Rausch schreibt den Gesichtern seinen Namen ins Gesicht und der Abend hat seine feierliche Ouvertüre im Schlussakkord zelebriert. Schnell füllt sich die nächtliche, freie Bühne.  Geöffnet für das Ego der Darsteller lenkt sie die unterhaltungssuchenden Blicke des begeisterten Publikums auf sich.

Das Lokal ist gesteckt voll. Es ist heiß. Dampf und Schweiß stehen in der Luft. Der Limiter lässt die roten Lichter nicht nur tanzen, sondern leuchten. Wenn man den alten, meidlinger Club und seine berüchtigte Beschallung kennt, kann man sich ausmalen wie das klingt.

Ich stehe inmitten der tanzenden Menge. Ich singe mit. Das Tanzbein übermannt den restlichen Körper. Nein, meine Brille ist nicht vom Hartlauer, entgegne ich auf die dementsprechende Frage, die wie aus dem Weltall an mein Ohr herantritt.

Die Augen des Aliens setzten einen stark verwunderten Blick auf und der Kopf zieht sich stromlinienförmig zurück an seinen Torso, der zusammen mit Armen und Beinen fest am Bier verharrt ist. Die Luft liegt als schwere und träge Masse zwischen uns. Die Lichter blitzen durch den Raum und die Musik induziert die Trance. Blicke fangen das Stroboskop und verwandeln es in einen zuckenden Organismus aus Haut, Schweiß und Haaren.

An der Bar sitzt ein Bassschlüssel. Er hat sich auf einen Oberarm tätowieren lassen. Ich registriere ihn,  finde aber vorerst keinen Grund mit ihm in Kommunikation zu treten. Das Symbol des unteren Registers, des dementsprechenden Blattlesens und des akademischen Tieftönens ist jetzt gerade viel zu weit weg vom Rock’n’Roll und dem Trip zurück in die eigene Pubertät. Später, bei Verlassen des Lokals, werde ich zu ihm hingehen und erfahren, dass sie seit vier Jahren Bassistin ist, worauf  ich ihr den geriatrisch-großväterlichen Rat geben werde: Sehr gut, weiter so.

Im Moment bin ich noch auf der Suche nach dem Kult, den wir damals tatsächlich gefunden haben und der seit den 80ern dem Lokal nachgesagt wird. Das Ambiente ist eine Kopie von sich selbst und nächste Woche soll an diesem Ort höllisch gegeigt werden. Die Fragen, wie man hier Geräusch zu Klang verwandeln kann und welche Karte es dafür auszuspielen gilt drängen sich auf. Es fühlt sich nach einer mystischen Wanderung durch die akustischen Unmöglichkeiten von Raum und Installationen an, aber das Licht am Ende des Tunnels flackert mir schon mit 10Hz aus der Blitzmaschine zu und flüstert: mindestens 4*18“ dazubauen…

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