Nachtrag eines Roadmovies

Die Uhr dreht sich weiter. Noch bemerkt der Körper nichts. Ein elfstündiges Vier-Uhr-Nachmittag geht zu Ende und der Beamte von der Einwanderungsbehörde lässt sich mit On Vacation abspeisen. Biometrisch vermessen und als Immigrant registriert lasse ich das Flughafengebäude zurück. Vor der Tür steht Los Angeles. Hallo L.A. Willkommen im Film!

Los Angeles Downtwon

Dunstiger Smog, der das Tal fest in der Hand hält und sich aus den kilometerlangen Kollonen der SUVs und Trucks emporhebt, untermalt diese erste Szene. Straßenschilder sprechen von großen Namen berühmter Orte. Hollywood, Passadena, Venice,.. Die Hauptabendprogramm gewordene Stadt zieht an uns vorbei. Wir selbst werden Teil der Kulisse. Es fließt zähflüssig, aber stetig. Abendliches Rot umhüllt den Sunset Boulevard. Wir kommen am Festival an. Check in. This is Ginga from Austria. Zwei Wochen lang werde ich als Substitut am Bass mit den Jungs durch Kalifornien fahren. Drei Tage wird dieses Festival, hier beim Echo Park, dauern. Zig Bands aus Europa und Kanada werden in diese Hochburg der monumentalen Musik pilgern um filigrane Klänge aus dem Norden zu verbreiten. Hosen dürfen eng sein, Bärte dicht und Gitarren auf E gestimmt. Zwischen Wüste, Glamour und The Doors ist es heiß. Das ist gut. Es ist Oktober.

Dreck gehört zur Straße, wie das Heulen zum Motor. Ob ihrer Weite ist diese Stadt kaum fassbar, aber Sprit ist billig. Wer Geld hat kauft Bio, wer nicht mit der Lebensmittelmarke. Einige demonstrieren für Occupy, andere fürchten sich noch immer vor dem Kommunismus. Teile Hollywoods sehen aus wie Budapest in den 1980ern, die anderen sieht man in den Filmen. Klischees bestätigen sich, bekommen aber eine reale Note, werden greifbar und allmählich natürlich. Der Chlorgeschmack in den Eiswürfeln ist unangenehm. Der Kaffee im Diner müsste nicht zwingend nachgefüllt werden. Dafür ist das vegetarische und vegane Sortiment im Supermarkt wesentlich größer als in Berlin und Wien. Da macht man große Augen. Allerdings sehe ich das Meiste in Venice und das ist kein armes Pflaster. Man lebt sich ein. Man lässt sich ein. Man muss weiter. Wir verlassen diese Insel der Stars und der Anderen und suchen den Highway One.

Bitte protestieren!

Diese lange, sich die Pazifikküste direkt hinaufschlängelnde Route, wäre in Europa auf Grund ihrer Bauweise und Zweispurigkeit als Bundesstrasse angeschrieben. Der Ausblick ist schön. Nordwärts. Meer zur linken, Berg zur Rechten – immer. Benzin und Espresso wechseln sich mit Bier und Konzerten ab. Gigs in Clubs, Gigs in Kirchen, Gigs in Plattenläden. Gig im berüchtigten Onlinezirkus Last Stage West. Der Wilde Westen trifft auf das Kantinenflair vom alten Fluk. Jede Nachahmung dieses Ambientes wäre ein Faux Pas. Last Stage West ist Live und Online – und im Wald. Wir sprechen lange mit dem mysteriösen Baum vor der Tür. Klüger wird nur er.

And the Beat goes on. Unter unseren Rädern verschwindet wieder der Highway One. Motelkultur und Trucks prägen, das was zwischen den großen Zentren passiert. Das Hauptwort ist alright und unweit von Atascadero finde ich die zweitbeste Dusche meines Lebens. Frisch und wohlriechend gehts weiter in den Norden. Die Strasse wird breiter und der Wald dünner. Zeitraffa. Das Navi sagt noch 5 Minuten zum Ziel und ein Schild neben der Straße kündigt Oakland an.

Rote Ampel. Blick aus dem Fenster. Die Häuser und Autos sind kleiner geworden. Dreadlocks hängen über die weiten Kapuzenpullover. Schwarzes Plastik in der Hand und den Einkaufswagen voller Habseligkeiten stilisieren die Erscheinung derer, die nicht im SUV über die Baybridge ins Büro fahren. Je dünkler die Hautfarbe, desto kleiner ist die Rolle. Der Wind weht kühl. Die Bucht von San Francisco empfängt uns mit bestimmtem Ton.

Baybridge

Der Autor schreibt hier seinen dramatischen Höhe- und Wendepunkt, indem er unseren Bus vor dem Club aufbrechen lässt. Emis Geige aus dem 19.Jahrhundert verschwindet gemeinsam mit meinem, weit jüngeren, aber nicht weniger geliebten Stingray. Die Nacht ist konfus und schnell. San Francisco feiert und lacht, lallt und weint. Die Clubs in Mission beben. Das Leben lässt sich zelebrieren und wir stehen daneben wie die Marsmännchen nach der Bruchlandung.

In diesem Moment könnte der Film in eine wesentlich absurdere Richtung abdriften. Zum Glück stehen aber weder Tarrantino noch Haas in geschichtsformender Verantwortung und es kommt weder zu Gemetzel, noch zu unangenehmen, schmerzhaften Close-Ups. Wir verharren in schlichter, benommener Lethargie. An dieser ändert sich auch in dem Moment nichts, als wir, zur Wiederbeschaffung unserer vorzeigbaren Identität, nach sieben Stunden Fahrt das österreichische Konsulat in Los Angeles betreten. Zwangsweise sind wir für eine Nacht zurück im Glitzer und Tamtam der Filmstadt. Erinnerungen werden wach. Vertraute Stimmung kehrt ein.

Ich drücke die Klinke, der Tür, des Konsulatsvorraums herunter und öffne eine Schleuse mit beamenden Qualitäten. Spezialeffekte bitte vorstellen. Hollywood hinter, Meidling vor mir – getrennt durch einen Türstock. Grüß Gott, warten bitte, komme gleich!, schallt es aus aus dem Hinterzimmer in bekannter Wiener Amtssprache. Die Tür fällt zu. Ich stehe zwischen dem porträtierten Heinz Fischer und den Formularen. Blick nach vorne. Drei Beamte lauern in staatlicher Gemütslage hinter Papierkrieg und Panzerglas. Wer sind sie? Und was brauchen sie?aha – Antrag ausfüllen! – Name, Anschrift, Unterschrift – Name, Anschrift, Unterschrift – Name, Anschrift, Unterschrift,.. Bitte Sehr! Ich halte den Notpass in der Hand. Die Legalität hat mich wieder. Über die Türschwelle zurück nach L.A. und über die 101 zurück in die große Bucht. Diese hat noch sieben Stunden Fahrt für uns aufgehoben und L.A. hat einen dezenten Stau im Ärmel, damit wir alles auch noch einmal bei Nebel in Zeitlupe studieren können.

Klemens, 101 - hinter einer Raststation

Irgendwan kommt man raus und fährt die ewig gerade 101 nach Norden. Die Steppe gibt sich noch ein letztes Mal von ihrer heißesten Seite. Vorbei an den großen Rinderfarmen und Bohrfeldern spulen wir Meile für Meile am Freeway ab. An seinem Ende wartet San Francisco. An seinem Ende wartet ein neuer, goldener Stingray. An seinem Ende wartet ein Flughafen.

Wenn ich in den Sonnenaufgang fliege, werde ich einen langjährigen Wegbegleiter zurücklassen und einen neuen im Gepäck haben.

And the beat goes on…

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s