Kitsch Beistrich Wild

Da knallt mir beim Bändigen meines Datenchaos ein Bild entgegen. Ich habe wohl den ersten Sonnenuntergang der Weltgeschichte festgehalten. Und das erst im Oktober 2012. Warum ist noch niemand vor mir auf diese Idee gekommen? Kamera in den Himmel. Knips. Naja, vielleicht finden sich Nachahmer. Das nächste bahnbrechende Motiv ist dann unter Umständen eine Kuh vor einem Berg. Bis dahin dürft ihr euch im wildesten Kitsch des Wienersten Westhimmels suhlen.

Draufklicken, dann wird es groß!

Herbst, Weisheit und Kommerz

Noch mehr der Vorankündigung: Besinnliches in A. Das nachgeahmte Monochord bleibt doch eine Gitarre. Die Stimme sucht den echten Ton. Je älter mein Waschbär wird umso besser klingt er. Und am Ende geht es wieder darum Musik in 12cm Rundformplastik zu pressen.

Weihnachten naht, der neue Mensch möchte, wenn schon nicht geboren, dann wenigstens gelebt werden. Delicious Red bereitet euch auf die stressigste Zeit des Jahres vor, die ordentlich lichtarm aber dafür umso alkoholisierter und agressiver ist, indem sie euch ein Album in die Hände legen, mit dessen Klängen im Ohr, man die herannahenden, überzuckerten, an den adventlichen Käufer eingepreisten Pünsche herrlich und mit voller Liebe an die nächste Hauswand schmeißen kann. Viel Vergnügen mit diesen Anleihen aus A-Dur.

Marc & Julie im Mai

Eine Einladung in den ganz kleinen Rahmen:

„Marc & Julie“ – eine komponierte Lesung von Laura Freudenthaler, Barbara Probst und Georg Kostron. Gelesen und gespielt am Mi,23.Mai im Cafe Kafka (Wien Mariahilf).

Das Duo hat sich zum Trio entwickelt und spielt, gemeinsam mit Laura Freudenthaler „Marc & Julie“. Aus deren „Unmund“ hervorgetreten wollen die beiden musikalisch nachbelichtet, unterstrichen und ge-i-tüpfelt werden (Marc & Julie). Zumeist die leisen Töne hören zwischen ihre Zeilen und sehen deren Sprache kritisch in die Augen. Deutlich gefeiert werden möchten sie dann aber trotzdem und gerade deswegen überhaupt. Sehr. Ja.

Angenehmes Nebenbei: Das Cafe Kafka ist vegetarisch versiert.

Wann: 23.Mai 2012 20h

Wo: Cafe Kafka, Capistrangasse 8, 1060 Wien

Webseite: Marc und Julie

Nachtrag eines Roadmovies

Die Uhr dreht sich weiter. Noch bemerkt der Körper nichts. Ein elfstündiges Vier-Uhr-Nachmittag geht zu Ende und der Beamte von der Einwanderungsbehörde lässt sich mit On Vacation abspeisen. Biometrisch vermessen und als Immigrant registriert lasse ich das Flughafengebäude zurück. Vor der Tür steht Los Angeles. Hallo L.A. Willkommen im Film!

Los Angeles Downtwon

Dunstiger Smog, der das Tal fest in der Hand hält und sich aus den kilometerlangen Kollonen der SUVs und Trucks emporhebt, untermalt diese erste Szene. Straßenschilder sprechen von großen Namen berühmter Orte. Hollywood, Passadena, Venice,.. Die Hauptabendprogramm gewordene Stadt zieht an uns vorbei. Wir selbst werden Teil der Kulisse. Es fließt zähflüssig, aber stetig. Abendliches Rot umhüllt den Sunset Boulevard. Wir kommen am Festival an. Check in. This is Ginga from Austria. Zwei Wochen lang werde ich als Substitut am Bass mit den Jungs durch Kalifornien fahren. Drei Tage wird dieses Festival, hier beim Echo Park, dauern. Zig Bands aus Europa und Kanada werden in diese Hochburg der monumentalen Musik pilgern um filigrane Klänge aus dem Norden zu verbreiten. Hosen dürfen eng sein, Bärte dicht und Gitarren auf E gestimmt. Zwischen Wüste, Glamour und The Doors ist es heiß. Das ist gut. Es ist Oktober.

Dreck gehört zur Straße, wie das Heulen zum Motor. Ob ihrer Weite ist diese Stadt kaum fassbar, aber Sprit ist billig. Wer Geld hat kauft Bio, wer nicht mit der Lebensmittelmarke. Einige demonstrieren für Occupy, andere fürchten sich noch immer vor dem Kommunismus. Teile Hollywoods sehen aus wie Budapest in den 1980ern, die anderen sieht man in den Filmen. Klischees bestätigen sich, bekommen aber eine reale Note, werden greifbar und allmählich natürlich. Der Chlorgeschmack in den Eiswürfeln ist unangenehm. Der Kaffee im Diner müsste nicht zwingend nachgefüllt werden. Dafür ist das vegetarische und vegane Sortiment im Supermarkt wesentlich größer als in Berlin und Wien. Da macht man große Augen. Allerdings sehe ich das Meiste in Venice und das ist kein armes Pflaster. Man lebt sich ein. Man lässt sich ein. Man muss weiter. Wir verlassen diese Insel der Stars und der Anderen und suchen den Highway One.

Bitte protestieren!

Diese lange, sich die Pazifikküste direkt hinaufschlängelnde Route, wäre in Europa auf Grund ihrer Bauweise und Zweispurigkeit als Bundesstrasse angeschrieben. Der Ausblick ist schön. Nordwärts. Meer zur linken, Berg zur Rechten – immer. Benzin und Espresso wechseln sich mit Bier und Konzerten ab. Gigs in Clubs, Gigs in Kirchen, Gigs in Plattenläden. Gig im berüchtigten Onlinezirkus Last Stage West. Der Wilde Westen trifft auf das Kantinenflair vom alten Fluk. Jede Nachahmung dieses Ambientes wäre ein Faux Pas. Last Stage West ist Live und Online – und im Wald. Wir sprechen lange mit dem mysteriösen Baum vor der Tür. Klüger wird nur er.

And the Beat goes on. Unter unseren Rädern verschwindet wieder der Highway One. Motelkultur und Trucks prägen, das was zwischen den großen Zentren passiert. Das Hauptwort ist alright und unweit von Atascadero finde ich die zweitbeste Dusche meines Lebens. Frisch und wohlriechend gehts weiter in den Norden. Die Strasse wird breiter und der Wald dünner. Zeitraffa. Das Navi sagt noch 5 Minuten zum Ziel und ein Schild neben der Straße kündigt Oakland an.

Rote Ampel. Blick aus dem Fenster. Die Häuser und Autos sind kleiner geworden. Dreadlocks hängen über die weiten Kapuzenpullover. Schwarzes Plastik in der Hand und den Einkaufswagen voller Habseligkeiten stilisieren die Erscheinung derer, die nicht im SUV über die Baybridge ins Büro fahren. Je dünkler die Hautfarbe, desto kleiner ist die Rolle. Der Wind weht kühl. Die Bucht von San Francisco empfängt uns mit bestimmtem Ton.

Baybridge

Der Autor schreibt hier seinen dramatischen Höhe- und Wendepunkt, indem er unseren Bus vor dem Club aufbrechen lässt. Emis Geige aus dem 19.Jahrhundert verschwindet gemeinsam mit meinem, weit jüngeren, aber nicht weniger geliebten Stingray. Die Nacht ist konfus und schnell. San Francisco feiert und lacht, lallt und weint. Die Clubs in Mission beben. Das Leben lässt sich zelebrieren und wir stehen daneben wie die Marsmännchen nach der Bruchlandung.

In diesem Moment könnte der Film in eine wesentlich absurdere Richtung abdriften. Zum Glück stehen aber weder Tarrantino noch Haas in geschichtsformender Verantwortung und es kommt weder zu Gemetzel, noch zu unangenehmen, schmerzhaften Close-Ups. Wir verharren in schlichter, benommener Lethargie. An dieser ändert sich auch in dem Moment nichts, als wir, zur Wiederbeschaffung unserer vorzeigbaren Identität, nach sieben Stunden Fahrt das österreichische Konsulat in Los Angeles betreten. Zwangsweise sind wir für eine Nacht zurück im Glitzer und Tamtam der Filmstadt. Erinnerungen werden wach. Vertraute Stimmung kehrt ein.

Ich drücke die Klinke, der Tür, des Konsulatsvorraums herunter und öffne eine Schleuse mit beamenden Qualitäten. Spezialeffekte bitte vorstellen. Hollywood hinter, Meidling vor mir – getrennt durch einen Türstock. Grüß Gott, warten bitte, komme gleich!, schallt es aus aus dem Hinterzimmer in bekannter Wiener Amtssprache. Die Tür fällt zu. Ich stehe zwischen dem porträtierten Heinz Fischer und den Formularen. Blick nach vorne. Drei Beamte lauern in staatlicher Gemütslage hinter Papierkrieg und Panzerglas. Wer sind sie? Und was brauchen sie?aha – Antrag ausfüllen! – Name, Anschrift, Unterschrift – Name, Anschrift, Unterschrift – Name, Anschrift, Unterschrift,.. Bitte Sehr! Ich halte den Notpass in der Hand. Die Legalität hat mich wieder. Über die Türschwelle zurück nach L.A. und über die 101 zurück in die große Bucht. Diese hat noch sieben Stunden Fahrt für uns aufgehoben und L.A. hat einen dezenten Stau im Ärmel, damit wir alles auch noch einmal bei Nebel in Zeitlupe studieren können.

Klemens, 101 - hinter einer Raststation

Irgendwan kommt man raus und fährt die ewig gerade 101 nach Norden. Die Steppe gibt sich noch ein letztes Mal von ihrer heißesten Seite. Vorbei an den großen Rinderfarmen und Bohrfeldern spulen wir Meile für Meile am Freeway ab. An seinem Ende wartet San Francisco. An seinem Ende wartet ein neuer, goldener Stingray. An seinem Ende wartet ein Flughafen.

Wenn ich in den Sonnenaufgang fliege, werde ich einen langjährigen Wegbegleiter zurücklassen und einen neuen im Gepäck haben.

And the beat goes on…

E08775 auf der großen Reise

view MusicManE08775.pdf

Wie ihr vielleicht schon gehört habt ist mein lange gespielter Music Man einfach weg – Nicht freiwillig. So ein Tourbus ist schnell offen. Der Inhalt schnell dahin. Wir haben das große San Francisco und so manche seiner weniger netten Bewohner unterschätzt.

Kurzum: Der Bass ist weg und alle Nummern, die ihn zu etwas juristisch Beschreibbarem machen sind jetzt vorhanden. Deswegen hier nochmal ein kurzer Überblick, falls er jemandem unterkommt oder sich die Nummer über die Suchmaschinenwelt hierher verirrt (Englisch, weil ja die möglichen, helfenden Leser mehrheitlich amerikanisch sind):

have you seen this Music Man E08775 ?

MUSIC MAN STING RAY 5 – got stolen

Serial No E08775

According to Police Report 116132537 (San Francisco Police Department)

Color: Black, 5Strings, 1Pick Up

for detailed info click HERE (MusicManE08775.pdf) or copy and paste the link below into your browser

https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=explorer&chrome=true&srcid=0B_UnFdQU2IdnNTA3ZDc0ZTktYmRjMS00ODVjLWE2NDYtYmQ1YTc2NGQ1ODAx&hl=de

info to be sent to E08775@gmail.com or SFPD.Central.Station@sfgov.org (mention #116132537)

THANKS FOR ANY HELP!!!   DANKE FÜR JEDE HILFE!!!

Landung ’83

Monolog im absurden Licht – Der Berliner Boden glüht. Zwischen den Häusern steht die Luft und der urbane Überdruck hupt sich durch die Straßen. Die Touristen jagt das Musst du sehen zum Da geht’s ab, aber das Datum drängt den Boom beiseite und stellt sich immer wieder in den Vordergrund.

Sonnenfinsternisgleich umdunkelt der Himmel diesen Sonntagabend. Es ist Gedenktag einer noch nicht ausgewerteten, jungen Geschichte, die in ihrer Allgegenwärtigkeit kaum zu übertreffen ist. Überall sieht man Linien, schwere Punkte und alte Farben. Die Wahrheit ist in ihrer Rolle als Instrument offensichtlich und sehr viele Menschen reden von der Freiheit, aber zum Glück auch ein paar vom Frieden.

Ich gehe ab. Drei Konzerte sind gespielt. Das berühmte Tor am Pariser Platz wirft seinen Schatten auf die Stufen, die von der Bühne hinab führen. Die Geschichte lässt sich im Kompaktformat feiern. Ich schwitze.

sonnenlichtgeschützt Offstage (Alex rechts)

Szenenwechsel – Drei Stunden sind vergangen. Ausgeschaltet liegt mein Kopf von feuchtkalter Luft umströmt auf der Rückenlehne. Das Fenster ist weit offen -der Raum nicht beleuchtet. Zwischen den dunklen Pölstern verschmelzen Körper und Couch. Atmen. Zuhören. Draußen rumort, wäscht und leuchtet das Gewitter. Drinnen singt Sophie Hunger nicht zu leise aus der Konserve. Ich kann mich an 1983 nicht erinnern. An 1981 noch viel weniger. Sie wohl auch nicht. Aber für diese Landung sind ihre Vermutungen genau richtig.

vor dem Fenster

Tropf,.. Tropf,.. Tropf,..

Mattscheibe in der Waschstrasse. Die Brille ist pitschnass und das Tempo wird vom Adrenalin getrieben. Elektrisches Licht fällt auf den Weg. Der Dynamo funktioniert, während ich die Brücke am Landwehrkanal überquere.

Prespreewasser

Einer der zirka 1000 Regen dieses Sommers bricht über das Rad, mich und die Strasse herein. Ihre Mitte ist leer, aber unter den Markisen der Bars, an der Seite, sammeln sich dichte Trauben nasser Köpfe. Ein schwimmendes Theater mit zufällig gecasteten Darstellern bietet sich an.  Ich habe natürlich gleich JA gesagt. Gute Rolle, mit viel Publicity und fast gleichwertig zur Morgendusche…

In der Partitur hat der Dynamo die sonore, aber blecherne Stimme, mit der dem wässrigen und weichen Rauschen ein mechanisches Gegenüber gesetzt ist. Als Fahrender ist das gut zu hören. Zehn Meter weiter wird wahrscheinlich nur mehr ein krächzendes Schnarren, verziert mit einem hohen, sich kontinuierlich leicht verstimmenden Ton, wahrnehmbar sein. Musikwirtschafter und Journalisten würden dem Werk das Genre Ambientelectric zuordnen. Für alle anderen reicht wohl die Vorstellung eines laut singenden und ächzenden Fahrrades im Wolkenbruch.

Ich trete und strample. Das Wasser steigt höher. Es fällt waagrecht. Donner fortissimo und stereo! Tempo gegen unendlich! Die Lichtgeschwindigkeit ist überwunden. Links vorne war der Stromausfall nicht abzuwenden, obwohl die Plastiklamellen noch immer an der Felge drehen und dröhnen.  Der Görlitzer Hafen hinter mir, den Skalitzer Bach hinab! Wem gehört die Nacht? Natürlich den jungen Römern! Sie warten schon. Angekommen: Absteigen, abhängen und trocknen.

Es riecht. Die Luft ist. Das Schauspiel am Himmel ist. Frei für jede/n! Ein ganz großes Kino ohne Drehbuch. Danke an die Regie für diese Inszenierung!

Shoot & Run

Für alle Freunde des Films und dessen live gespielter Musik: Ein Leckerbissen im Berliner Mauerpark!

Gemeinsam mit Robert Lee Fardoe (voc, git) und Mika Leopold (dr) spielt der Herr K. eine Livevertonung eines Andrew McCargar Films. Als treibende Kraft dahinter steht Moviemiento, die dort den Abschlußevent ihrer Reihe „Shoot & Run“ für 2011 zelebrieren.  Es geht um Kurzfilme, die innerhalb von 48 Stunden konzipiert, gedreht und geschnitten werden. Es ist also ein kleines Festival an der frischen Luft mit bunten und weniger bunten Bildern, die live bemusiziert werden und deren Macher in den letzten Tagen den Schlaf für überbewertet erklärt haben.  Hört was da klingt,  seht euch diese Eindrücke an und bewundert die Ringe unter den Augen!

Sa,20. Aug.2011 21h im Amphitheater Mauerpark (U2 Eberswalderstrasse)

Details: http://www.moviemiento.org/

Sophia i Di,14.6 – Local

Veranstaltungen findet man normalerweise, wenn man hier klickt. Aber für manche Spezialität möchte ich diesen Blog offen halten. Wie folgend:

Sophia i spielen gemeinsam mit Milk+ am Dienstag, 14.Juni im Local unter der alten Stadtbahn in Wien Döbling.

Da nicht allen Lesern Sophia i ein Begriff sein wird, kommt hier ein längeres, biographisches Ausholen (inkl. Fachsimpelei, Detailverliebheit und Co). Für alle anderen steht das Eventbetreffende und der Player am unteren Ende des Textes.

In den letzten Tagen Kugel i’s gibt es eine handvoll Songs, die nicht mehr spielbar sind (anm. Kugel i war eine Wiener Drum’n’Bass live Electroband, bei der ich als Bassist mitwirkte). Die Band löst sich auf und ich verbleibe komponierend und produzierend im alten Proberaumstudio in Wien10. Anno ca.2003. In einenhalbjährigen Experimenten entsteht das erste selbstproduzierte Album . Da das Budget klein ist und gewisse Details nur im persönlichen Gehör liegen, kann ich den Mix nicht aus der Hand geben und mische selbst. Das führt dazu, dass dem Ton aus heutigem Ohr in manchen Momenten eine handwerkliche Jugend nachgesagt werden muss, dass aber wiederum die essentiellen Klänge so gestaltet sind, dass sie den Punkt genau treffen. Im Großen und Ganzen geht es da um das bewegliche Gefühl zwischen Klarheit und Verzerrung – sowohl durch Obertonsättigung mittels Fuzz und Kompression als auch durch Verstimmung und Dissonanz in Ton und Wort.

Mehrsprachigkeit wird zum integralen Bestandteil. Ein reguläres Bandgefüge gibt es nicht. Diese Zeit ist vom Kollektivcharakter geprägt, der sich aus den vielen mitwirkenden Musikern ergibt. Bei der Suche nach dem Namen für dieses Album und der Ästhetik kommt Sophia als bester Klang und Name in den Sinn. In Tradition an das kompositorische und sich austauschende Umfeld ist der Zusatz i die perfekte Ergänzung. Sophia i hallo! Das gleichnamige Album wird im Herbst 2005 bei Alp Fiction veröffentlicht (im Player: Selbstlebendig – Fremdbewusst). In Folge wird Österreich und der Balkan bis zu 11 köpfig wunderbar betourt.

Mit diesen Erfahrungen höre ich neue Motive, entwickelte das Programm weiter, verknappe die Texte und evolutioniere die Tanzrhythmen. Die Praxis zeigt später, dass diese Rhythmen nicht immer als unmittelbar tanzbar empfunden werden, die Musik dadurch aber, speziell live, sehr mantrisch und exzessiv wird. Das Experiment steht weiterhin an oberster Stelle und ab jetzt werden so gut wie alle synthetischen Klänge, mit Ausnahme weniger Pads, direkt über den E-Bass und Bodeneffekte produziert und der gesuchte Klang über die Spielweise und die jeweilige Verkettung der Modulatoren generiert. Die Nachbearbeitung dieses Rohmaterials beschränkt sich daher auf Kompression und EQ.

Die große Rolle in der grafischen Umsetzung spielt Doris Dittrich. Lange Treffen und intensive Gespräche begleiten uns. Es sollen neue Ufer angefahren und das Gewollte präzisiert werden. Letztendlich bestimmt das Artwork ein Photo-Shooting, bei dem im Blut gearbeitet wird. Die Kosten für einen halben Liter belaufen sich auf eine Packung Ildefonso. Es ist unsere erste künstlerische Auseinandersetzung mit Blut. Ekel und Anziehung liegen so nah aneinander, dass sie fast nicht trennbar sind. Abstoßend und geil. Eine Glasplatte dient als aufpressbare Projektionsfläche, die im jeweiligen Licht abfotografiert wird. Der sinnliche Ausdruck bestimmt letztendlich den Look. Damals war ich noch kein Vegetarier – wobei das zwei verschiedene Dinge sind. Auf jeden Fall wird es die gesichtgebende Essenz der entstehenden Drucksorten. Die EP heißt Lick my face und wird 2006 auf dem mit Thomas Macher neu gegründeten Label Kugel i veröffentlicht. (im Player: Lick My Face)

Es vergehen ein paar Monate. Ich werde mit der Bitte konfrontiert eine Version von Leaving On A Jetplane für einen Freund, in meinem Stil zu produzieren. Ein Tonikagefühl in Dur ist mir zu diesem Zeitpunkt äußerst unangenehm und ich kann die Nummer nur in parallel Moll ausarbeiten. Als der zweite, tragende Akkord plötzlich auch nach Moll rutscht und sich eine komplett neue Melodie in mein Ohr singt, komponiert sich aus Leaving On A Jetplane ein neuer Song heraus, den ich unbedingt umsetzen muss. Die Produktion wird abgesagt und Sarah Bidner, die schon die vorangegangene Sophia i Tour sang, singt über diesen Refrain den Text Mainstreamed and Gasmasked. Mit dem Sprechgesang der Kollegen Dominik Udolf und Ivan Pavlovic findet das Lied zwischen Englisch und Serbisch seinen Bogen. (im Player: Mainstreamed & Gasmasked)

Es gibt viel zu sagen. Die Welt dreht sich irgendwie schneller und es kommt eine Ahnung davon auf, was das bedeuten kann. Die deutsche Sprache bekommt meine vermehrte Aufmerksamkeit. Das Englische wird zum Stilelement. Das was speziell 2005 auf Sophia i filmmusikalischen Charakter hat (Filmmusik in Sarajevos Rosen – Regie: Gloria Dürnberger), will sich immer mehr im lyrischen Bild ausdrücken. Ich schreibe schnelle Texte mit hoher visueller Dichte. Die Musik wird geradliniger. Das echte Hybrid aus traditioneller Live Band und analoger, elektronischer Musik wird immer attraktiver und stellt sich als die beste Inszenierung für die neuen Lieder heraus. In Manuela Diem(Gesang), Engel Mayr(Gitarre) und Wolfgang Luckner(Drums) findet sich die Band und „i“ wird eingespielt. Die elektronische Postproduktion kann ich in einem zwischengemieteten Atelier in Wien3 machen. Ein ausgesprochen schöner Ort! Erstmals hat Sophia i mit dem Song Happiness auch ein Liebeslied auf der Scheibe und zum ersten Mal bekommt der Klang die druckvolle und bildhafte, gesuchte Komponente in den Drums und den Stimmen. Das aktuelle Album „i“ liegt bei Kugel i. (im Player: Neon)

Kurzum ist Sophia i mein Experimentierfeld, Herz und Baby, mit dem ich das Rad immer neu erfinden möchte. Hier sei DANKE! an alle gesagt, die für Sophia i eingesungen, eingespielt, eingegeigt, inspiriert, aufgenommen, gemischt, gemastert, organisiert, photografiert, getourt,… haben und werden. DANKE!

Ins Orange…

Die harten Fakten:

Zeit: Di,14.6 21h

Line Up: Milk+ / Sophia i

Ort: Local Bar Heiligenstädterstrasse 31/Stadtbahnbogen 217, 1190 Wien

Newsflash: Bodenhaftung vs. EHEC

Ein medialer Lokalaugenschein. Berlin liegt unter Asche. Das Ostkreuz brennt. Terror von links oben, mitte hinten und zirka unten ziert die Titelseiten. Die EHEC Epedemie rafft die Gurkenesser dahin und das unmittelbare Ende aller Gemüsefreunde steht bevor.

Meine Augen wandern über das Papier und Wort für Wort entziffert sich die Apokalypse nach Reuters.  Zähne wachsen aus der Druckerschwärze und stechender Geruch macht sich zwischen den Zeilen breit. Er beißt sich durch die Nase geradewegs ins Gehirn und dreht den Blick um 360° vertikal zuerst nach unten auf T-Shirt und Haut, dann durch Brustkorb und Lunge bis zur Wirbelsäule, tritt beim Steißbein wieder aus und läuft zwischen Rücken und Lehne in Schlangenlinien zum Nacken, verschwindet im Kopf, sieht die Schädeldecke beim Uno-spielen gegen die Haarwurzeln verlieren und setzt sich wieder in die Augen. Einen Wimpernschlag lang fokussiert er gerade nach vorne, fällt aber unmittelbar darauf in die vor mir liegende, chlorfrei gebleichte Plattheit um zu begreifen, dass er, der ja DER  Sehsinn ist, jetzt endlich anfangen soll Angst zu verbreiten.

Also gut: Jetzt fürchten! Wer Salat isst, mit der gemeinen S-Bahn fährt oder die aschige Luft atmet ist totgeweiht! Die Gladiatoren kämpfen nicht im Kolosseum, sondern am Bahnsteig. Die Menge steckt an. Die Kabeln brennen.

Die Zeitung vor mir hat sich in ein Monster verwandelt. Ich bin bis zum Bauch verschlungen und muss Widerstand leisten. Die Hand greift zur nächsten Karotte. Finger und Rübe sind ungewaschen! Die Zähne beißen zu. Die Zunge schmeckt Gemüse, Erde und Gefahr. Ich schlucke. Gekaute, fasrige Masse rinnt die Speiseröhre hinab. Der Magen fängt sie auf. Pause – Abwarten! …länger abwarten! Passiert etwas? Nein.

Der Zug fährt noch immer und das Ende aller Zeiten ist doch nicht gekommen?! Enttäuscht sieht mich das Impressum an. Ich ziehe mich aus dem Zeitungsschlund, setze mich wieder an den Platz neben dem Fenster und lege das Blatt zur Seite. Die Fahrt geht nach Westen. Fliegen wurde ja abgesagt. Die Jungs von Ginga sind noch im Bus unterwegs, aber bis zum Soundcheck geht sich alles aus!  Das Stück Papier liegt pfauchend neben mir. Offensichtlich brüskiert es sich über mein Verhalten. Ich ignoriere es. Die Sonne rückt die Landschaft ins Abendlicht und die Asche zieht weiter.

Nach ein paar Kilometern steige ich aus. In Utrecht. Alleine. Ohne Zeitung. Nur mit Bass, Zahnbürste und Zweitsocken.