Fernsehwerbung – Mon Amour

Ein paar Zeilen dem lieben TV und seiner Werbung:

Neukölln Kirchhofstrasse. Hinweistafel mittlerweile entfernt.

Ich bin seit über zehn Jahren fernsehabstinent. Exotische und wild sind dann die wenigen Momente, in denen ich doch in fremde Röhren starre. Kurze Zwischenspiele sind das. Meist treibt es mich vor der ersten Pause aus dem Raum. Flucht vor TV-Stars, Katastrophenstress und Bewußtseinsverlust hinein in U-Bahn und Park. Flucht vor dem Ungetüm Fernsehwerbung und seinen digitalen Verirrungen. Haarig, mit Antischuppenschampoo übergossen, mit Spülmittel bewaffnet, krächzt es seine Angebote. Der Himmel verdunkelt sich. Der Vorhang im Badezimmer reißt entzwei. Das Bier ist aus!

Otto Normalberieslter holt sich ein Neues und trägt das Alte in den ewigen Kanal. Ich aber sehe zu. Genau der Werbung sehe ich zu. Speziell im Fernsehen. Aug in Aug mit dem Wahnsinn. Tapfer wie Odysseus die Sirenen erblickend. Diese Superlative, diese unendlichen Möglichkeiten, dieses mystisch Absurde zieht mich in seinen Bann. Aber ich wiederstehe und esse den Fernseher nicht, kaufe mir keine Waschmaschine und buche keinen Cluburlaub. Odysseus stopfte sich Wachs in die Ohren und ließ sich an den Mast fesseln. Ich habe kein Guthaben am Handy. Moderner Widerstand kann so einfach sein.

Euphorisiert und televisionär beworben erhöht sich mein Pulsschlag. Was ist das? Unbegrenzte Optionen. Alle Menschen sind perfekt. Die Physik ist überwunden. Alles ist möglich. Der werbliche Chor singt aus der Röhre: Ich glaube an den Markt, die heilige freie Marktwirtschaft und Gemeinschaft der Anleger. Es blitzt hinter der Netzhaut. Weiter. Diese Werbung muss die perfekte Kunst sein. Unendliches Budget. Zwei-sekündige Szenen mit geschätzten 100.000 Euro Produktionskosten. Für BP, Nestle und Unicredit kein Thema. Ich sabbere. Die Hände zittern. Weiter. Persil strahlt wie die reinste Unschuld. Fettlöser. Erlöser. Weißer als weiß. Eine Marienerscheinung im Bewegtbildformat. Ikonografie mit Mutter und Kind, Product Placement und Know How.

Hier sehe ich die Heilsbotschaft: Persil macht mich sauber. Saturn macht mich geil. BMW macht mich potent. Nivea macht mich schön. Red Bull erlöst mich. Noch mehr Spucke am Kinn. Es tropft unbändig. Die Hände sind taub. Weiter. Ich muss kaufen wollen müssen. Ich muss kaufen wollen müssen. Ich muss kaufen wollen müssen. Die  leuchtende Vermarktung. Geil! Grell! Ich sehe nichs: Hallo. Ist da wer? – Hier ist dein Markt! Du sollst nur einen Markt haben. Mich. – Wie? Bist du Gott? – Nein, nicht Nietzsche gelesen? Der ist tot. – Oh Gott. Wieso Nietzsche? – Markt, nicht Gott. – Mark??? – Markt!!! – Ach so. Bist du nervös? – Wieso?  – Bist du doch immer. – Ich bin dein Markt! Wie ich bin hat dir egal zu sein! – Ähm, ich habe aber kein Guthaben. Wir können gar nicht reden – Stimmt. Blub.

Marktliche Zwiesprache. Ende.

Holt den armen Odysseus vom Mast und dreht den Fernseher ab. Schnitt. Lauch. Brot.

Wisch Wusch Wasser

Vom Wasser am Wald zum Menschen im Wasser

Ich sitze. Meine Füße berühren halb den Boden und die Hände vergraben sich zwischen Tasten, Saiten und Effektgeräten. Neben mir haben die Randnotizen Platz genommen. Sie tummeln sich, schnell angerissen, auf diversen, nicht mehr ganz glatten Blättern Papier und diktieren mir den Weg durch die Unendlichkeit.

In der Hand halte ich diesen mittlerweile immer vertrauteren Bass im hübschen Gold der frühen 90er. Mir gegenüber sitzt der digitale Sklave – und Herr. Unsere Rollen wechseln im Minutentakt. Am Ende des Tages muss ich die Oberhand behalten. Der Weg dort hin flirrt in 24Bit und 96kHz vor meinen Augen. Endlose Weiten.

Wasser an einem Salzburger Wald

So weit so technisch. Zwischen dem gespielten Ton und dem organisierten Datendickicht beginnt es heiß zu werden. Der kreative Körper will sich  bewegen. Sitzt aber. Einer Armee aus gehaltenen Zahnrädern reibt die innere Gelassenheit auf. Zum Ausgleich habe ich es mir angewöhnt zu trinken. Wasser! Richtig viel Wasser! Das kühlt und spült und zwingt meine Füsse immer wieder in Richtung WC. So gibt es wenigstens kurzfristigen Ausgleich und vor allem mehr Platz für mehr Wasser. Der Arbeitskreislauf: Vom Platz aufstehen –  Wasser wegbringen – neues Wasser holen – …

Bei einem dieser Rundgänge kommt mir folgende Überlegung:

Erstens. Ich bestehe fast nur aus Wasser. Das sind zirka 80 Prozent meines Körpers – das entspräche von den Zehen bis zum Brustbein, wenn ich z.B. eine Regentonne wäre.

Zweitens gibt es  den berühmten, ewigen Kreislauf des Wassers. Regnet, wird getrunken, wird gepinkelt, verdunstet, regnet,..

Und das Wasser kann man als dieses Wassers bezeichnen. Das Wasser auf dieser Welt ist beschreibar als das eine Wasser des Planeten Erde und ist somit ein bestimmtes Wasser. Es wird nicht mehr und nicht weniger. Das heißt, dass alle Lebewesen nur dieses eine Wasser zur Verfügung haben, hatten und haben werden. Schon vor 2000 Jahren, in 5 Mio. Jahren, heute,… Dann sind wir Alle und waren Alle aus diesem selben Wasser. Und das zu einem riesigen Anteil (Eben ca 4/5). Wir sind also Wasserbehälter im großen Stil, die immer das selbe Wasser mit sich herumschleppen, aber ihm stets neue Namen geben. Und das trifft auf jedes Lebewesen zu – obwohl sich mitunter nicht alles was schwitzt einen Namen gibt.

Wasser in Ente. Ente in Wasser

Trinke ich jetzt vielleicht die tote Nachbarskatze und pinkle die Goldfische von Morgen? Schwitze ich Napoleon Bonaparte und dusche mich in Einstein? Ist der U-Bahnfahrer von vorhin etwa Jesus Christus, Mutter Theresa und Jim Morrison in einer Person?

Fragen über Fragen… an solch heißen Tagen.

Lasst es euch schmecken!