Czesky Osterhase

Linz/Posthof – Ostrava/Marley. Es ist Karfreitag. Die Wiener U1 fährt am Reumannplatz ein. Favoriten Hallo! Um 12:15 ist Abfahrt, um 15:00 wird Jesus sterben und um 22:00 hat Ostrava zu rocken.

Das höher gelegte Boonmobil ist voll beladen. Backline und Band sind doch schwerer als gedacht. Radkasten und Rad schleifen alle heiligen Kurven an einander. Daran ändert auch das Umverteilen der Last wenig – Ein analoger Gedanke an den Staatshaushalt sei hier erlaubt. Noch sind wir im Weinviertel. Das Datenroaming lauert in sicherer Entfernung. Die Grenze wartet nicht, dass Roaming schon. Die Suche nach W-Lan Hotspots wird in den kommenden Tagen zum Sport mutieren. Happy surfing B7 solange!

Die Diskussion über die neue, schwarze Führungsrige und deren Potential sich selbt zu marginalisieren beschäftigt die Foren im Onlineuniversum. Frühmorgendlich wurde das Thema im Zug mit einem Landwirt besprochen. Sein Stammtisch ist aufgebracht. Politischer Einschub Ende.

Die Autobahn nimmt ihren Lauf. Der Motor schnurrt und die Sonne über der tschechischen Republik wird immer röter. Die Gegend und ihre Bauten bekommen ein plangeregeltes Antlitz. Wien, Brünn und Olomouc liegen weit hinter uns. Fahren Sie in Zwei…Hundert…Metern rechts ab. Vorbei am Zentrum von Ostrava schickt uns das Navi in einen Außenbezirk. Mehr als zwanzig Jahre nach der Wende steht hier der Ostblock so, wie man sich den Ostblock immer vorgestellt hat: Block für Block – streng geordnet. Eine Romantik des Abbröckelns und Rostens, die mir persönlich ja ganz gut gefällt. Patina ole!

Der Club heißt Marley, trägt Graffiti und möchte seine Klotüren nicht versperren. Wie die Kackregeln ohne Schloß, bei nach außen öffnenden Türen funktionieren, muss experimentell erprobt werden und zieht in den ersten Anläufen verdutzte Blicke der ansässigen Exkrementierenden mit sich. Leider gibt es dazu keine Bilder.

Herr Club Marley verkauft tschechisches Bier. Welch Wunder? Aufgelegterweise teste ich Kozel Czerny. Es schmeckt. Zeitraffa: Load In – Doors – Zwei Supportacts – Showtime BOON.Ostrava gibt alles! Sie wollen Spaß. Wir wollen Spaß. Die Halle ist halb voll – das stört nicht! Es rockt. Es dampft. Sehr schön – Headliner ist RATTLE BUCKET. Das Kino wird groß und den Schweiß generiert der Moshpitt. Lasst es rollen!

Eine alte Kaserne dient als Hotel. Um besagte Romantik am Schauplatz zu erleben hätte man keinen besseren Ort finden können. Saubere Betten und Klopapier wären schön. Wir liegen im Bett. Jesus liegt im Grab. In zwei Tagen werde ich wieder in Berlin sitzen und Jesus eine dicke Performance abziehen damit seine PR-Agentur die besten Karten in der Hand hat, um ihn zum Star zu machen – Lasst uns Eier bemalen und  Schokohasen kaufen!

Der tätowierte Bassschlüssel – Eindrücke einer Zeitreise

Die Straßen sind nass vom Nieselregen. Der Rausch schreibt den Gesichtern seinen Namen ins Gesicht und der Abend hat seine feierliche Ouvertüre im Schlussakkord zelebriert. Schnell füllt sich die nächtliche, freie Bühne.  Geöffnet für das Ego der Darsteller lenkt sie die unterhaltungssuchenden Blicke des begeisterten Publikums auf sich.

Das Lokal ist gesteckt voll. Es ist heiß. Dampf und Schweiß stehen in der Luft. Der Limiter lässt die roten Lichter nicht nur tanzen, sondern leuchten. Wenn man den alten, meidlinger Club und seine berüchtigte Beschallung kennt, kann man sich ausmalen wie das klingt.

Ich stehe inmitten der tanzenden Menge. Ich singe mit. Das Tanzbein übermannt den restlichen Körper. Nein, meine Brille ist nicht vom Hartlauer, entgegne ich auf die dementsprechende Frage, die wie aus dem Weltall an mein Ohr herantritt.

Die Augen des Aliens setzten einen stark verwunderten Blick auf und der Kopf zieht sich stromlinienförmig zurück an seinen Torso, der zusammen mit Armen und Beinen fest am Bier verharrt ist. Die Luft liegt als schwere und träge Masse zwischen uns. Die Lichter blitzen durch den Raum und die Musik induziert die Trance. Blicke fangen das Stroboskop und verwandeln es in einen zuckenden Organismus aus Haut, Schweiß und Haaren.

An der Bar sitzt ein Bassschlüssel. Er hat sich auf einen Oberarm tätowieren lassen. Ich registriere ihn,  finde aber vorerst keinen Grund mit ihm in Kommunikation zu treten. Das Symbol des unteren Registers, des dementsprechenden Blattlesens und des akademischen Tieftönens ist jetzt gerade viel zu weit weg vom Rock’n’Roll und dem Trip zurück in die eigene Pubertät. Später, bei Verlassen des Lokals, werde ich zu ihm hingehen und erfahren, dass sie seit vier Jahren Bassistin ist, worauf  ich ihr den geriatrisch-großväterlichen Rat geben werde: Sehr gut, weiter so.

Im Moment bin ich noch auf der Suche nach dem Kult, den wir damals tatsächlich gefunden haben und der seit den 80ern dem Lokal nachgesagt wird. Das Ambiente ist eine Kopie von sich selbst und nächste Woche soll an diesem Ort höllisch gegeigt werden. Die Fragen, wie man hier Geräusch zu Klang verwandeln kann und welche Karte es dafür auszuspielen gilt drängen sich auf. Es fühlt sich nach einer mystischen Wanderung durch die akustischen Unmöglichkeiten von Raum und Installationen an, aber das Licht am Ende des Tunnels flackert mir schon mit 10Hz aus der Blitzmaschine zu und flüstert: mindestens 4*18“ dazubauen…