Die 10er Jahre

Als ich 2011 nach Berlin gekommen bin, war ich v. A. Bassist. In Österreich spielte ich noch ab und an mit BOON und GIN GA. In Deutschland suchte ich Boden zu fassen und ging auf so viele Sessions, wie möglich. Die Band um Marcel Brell entstand. Wir fuhren quer durchs Land, hatten es toll, hatten Stress, hatten Glück und Konzerte. Der Kosmos der deutschen Liedermacher*innen kam in mein Leben. Die Lyrik und ihre Treffsicherheit waren faszinierend. Hier gab es wenig doppelten Boden aber viele haarscharfe Aussagen. Von mir selbst sind im ersten Jahr in der neuen Stadt nur ein paar Skizzen entstanden, keine ganzen Songs. Es gab viel zu hören.

Bild: Max Berner | Ausstattung: Mirjam Ruschka | Still vom Video „Der A“

Nach und nach wünschte ich mir selbst zu singen und schrieb wieder. Dunkle, geheimnisvolle Lieder – oder Lieder mit Schutzschild, die nichts verraten wollten – eine Frage der Perspektive. Sie hatten viele doppelte Böden. Mit ihnen traute ich mich ans Mikro und das Schreien funktionierte gut. Zusammen mit Daniel Břen entstand im Funkhaus Berlin 2014 das Album “Blüte des Lebens”, das auch auf die Bühne wollte. Dazu erfand mein “Manager” den “Manager” und wir tourten los. Die Konzerte waren erstaunlich unterhaltsam und aus ihnen heraus entstanden neue Lieder, die diese humorvolle Welle in sich trugen. Inhaltlich waren sie nach wie vor ein großer Mittelfinger, aber sie bekamen eine bunte Schleife drum herum.
Das Leben bahnt sich seine Wege: der “Manager” ging zurück nach Wien. Wir organisierten länderübergreifende Fahrradtourneen entlang dem Inn, der Donau und der weißen Elster und produzierten das Album Dadapunk – teilweise in Berlin, teilweise in Wien. Wir hatten es toll, hatten Stress, hatten Glück und Konzerte. Die Distanz machte es aber schwerer die kleinen Gigs anzunehmen. Wir setzten das Gagenniveau höher. Die Tourneen wurden dünner. Wenn ich ich die Lieder regelmäßig singen wollte, musste ich sie alleine schaffen. Back to school. Sessions und Open Mics.

Es folgten viele Auftritte in der kleinstmöglichen Form – solo mit Gitarre. Die Songs wackelten. Ohne instrumentale Hilfe waren manche Teile außergewöhnlich schwer zu performen. Dem Repertoire fehlten scheinbar diese “Lieder, die nur Stimme und Gitarre brauchen” und die ganz aus sich selbst heraus Halt finden. Um diese Lieder zu schreiben, experimentierte ich auf offenen Bühnen an neuen Ideen – unter dieser Prämisse. Songs wie “Wohlriechend duftende Blümchen” und “Let’s get Nackig” entstanden. Schritt für Schritt tastete ich mich an das heran, was kickt, was aber erst einmal dem inneren Zensor zu peinlich war. Das war viel (und der Weg ist wahrscheinlich endlos). Die hohen Mauern der geheimnisvollen Kunst sind ein warmer Schutzmantel aber das Lied heißt “Let’s get Nackig”.

Mit einem Mischprogramm aus Kostron & Manager-Liedern und Neuem gründete sich 2018 das Garage Punk Duo Po-Zart mit Elias Boydada am Schlagzeug. Jetzt wird in drei Besetzungen dasselbe Repertoire gespielt: Mit Kostron & sein Manager als Electro-Punk, mit Po-Zart als Garage-Punk und solo Georg Kostron als Liedermacher (und auch irgendwas mit Punk).
Um diesem Bogen an Liedern ein gemeinsames Klanggewand zu geben, beschließe ich den Kern dieser Lieder – in schnellen Skizzen – binnen zwei Wochen im Home Recording aufzunehmen. Der Plan eskaliert natürlich leicht und im Sommer 2018 fährt ein Zug nach Altenburg.
2020 heißt die Gegenwart und dieses leicht therapeutische, wie dezent egomanische, aber auch liebevoll, feinsinnig und verzaubernd doppelbödig-direkte Liederentwicklungsmegasammelprogramm steht kurz davor, das Leben der Menschheit zu retten, sie in die nächste Entwicklungsstufe zu transformieren und v. A. ein Album mit Songbook zu werden. Ich freu mich drauf 😊 Das Crowdfunding für DAS WILDE LIEDERBUCH läuft und die Geschichte geht weiter… 🌸✏️
Danke euch Wegbegleiter*innen fürs gemeinsame Musizieren und Dinge-erschaffen!!! ❤️

Aufnahmen im Paul Gustavus Haus

Im Sommer 2018 machte ich eine große Experimentalsession im Paul-Gustavus-Haus in Altenburg – Thüringen. Das PGH ist eine alte Malzfabrik. Gebaut zu einer Zeit, als Fabriken Jugenstildeko hatten, aus Ziegeln gemauert und mit der zentralen Dampfmaschine betrieben wurden. Heute ist das Haus einer von diesen Orten, an dem Menschen Dinge tun, die aus der fernen Perspektive unmöglich erscheinen. Ein wunderbarer Ort, der unfertig ist, der nicht die Decke, sondern die Luft nach oben spüren lässt. Hier wird gehämmert, gefeiert, gestritten und geliebt, zelebriert und gelebt. Es ist für mich ein Platz um zu atmen, der Ort an dem ich die klanglichen Utopien von Das wilde Liederbuch entwerfen und umsetzen konnte.

Das Klavier im PGH

Eine dieser Utopien war es, Musik ohne Drums und Beats zu machen. Möglichst akustisch. Viel Holz. Druckvoll, aber ohne diesen strengen Backbeat, der mir manchmal wie eine Zwangsmaßnahme zur Bespaßungsverrücksicherung vorkommt. Ich ver/stimmte die Gitarre, präparierte das Klavier, stampfte durch den Raum und nahm zahllose Geräusche auf.
Die Umsetzung war kein Spaziergang. Die Limitierung des Groovedesigns (ohne Beat) war eine ziemlich große Herausforderung, eine andere Sprache, mit der ich noch nicht vertraut war. Ähnliche Vokabel, aber wie ein Wortschatz aus einem Paralleluniversum. Sechs Wochen hatte ich Zeit für die Aufnahmen. Zeit um einzutauchen, zu zweifeln, zu fließen und zu lernen. Meine Klangsprache veränderte sich.
Sie wird fluffiger, wärmer, entgegengesetzter, rumpeliger, theatralischer und liebevoller.
Im alten Leitungsbüro, der heutigen Bibliothek, mit drei Mikrofonen, dem Standrechner (im Koffer mitgenommen), der Akustikgitarre, dem Altenburger Spontanchor und dem wunderbar verstimmten Flügel hinterließ diese alte Fabrik ihren akustischen Fußabdruck in diesen Liedern.
Danke liebe Leute vom PGH für diese tolle Zeit!!

Bild: Fayd De Light Veit Ebbers